Diskussion um Blausäuregrenzwert in Leinsaat

3. September 2020 um 10:07 , Der AUDITOR
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FRANKFURT/BRÜSSEL. Im europäischen Leinsaatmarkt machen Gespräche über die Einführung eines Grenzwertes für Blausäure in Lebensmittelleinsaat die Runde. Die AUDITOR-Redaktion hat dazu ein Statement der Europäischen Kommission erhalten und lässt einen großen belgischen Leinsaathändler zu dem Thema zu Wort kommen.

Statement der Europäischen Kommission

Auf Anfrage der AUDITOR-Redaktion bestätige eine Sprecherin der Europäischen Kommission, dass aktuell ein Grenzwert von 150 mg/kg für Blausäure (Cyanogene Glycoside) in Leinsamen für den menschlichen Verzehr diskutiert wird. „Derzeit läuft eine gezielte Konsultation von Interessenvertretern, um ihre Beiträge in einem frühen Stadium der laufenden Diskussionen einzuholen und sie in vollem Umfang berücksichtigen zu können“, erklärt die Sprecherin. „Der mögliche Höchstwert, der in dieser gezielten Stakeholder-Konsultation vorgeschlagen wurde, liegt in der Tat bei 150 mg/kg. Bitte beachten Sie aber: im Konsultationsdokument wird klar darauf hingewiesen, dass diese Vorschläge von der Europäischen Kommission weder angenommen noch gebilligt wurden. Alle geäußerten Meinungen sind vorläufige Ansichten der Kommissionsdienststellen und sollten unter keinen Umständen als offizielle Stellungnahme der Kommission betrachtet werden.“

Des Weiteren hieß es, die Fachgespräche mit den Experten aus den Mitgliedstaaten würden im Herbst dieses Jahres unter Berücksichtigung der von den Interessenverbänden erhaltenen Beiträge fortgesetzt. Der mögliche Höchstwert würde nicht für Leinsamen gelten, die für die Ölproduktion bestimmt ist. Für Blausäure in Leinmehl (nach der Ölextraktion), das für den menschlichen Verzehr bestimmt ist, wird zurzeit kein Höchstgehalt diskutiert.  

Stimmen aus dem Markt

Guy Vanhulle, Geschäftsführer der Flaxseed Trading S.A. in Belgien, steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber, betont aber, dass er nicht grundsätzlich gegen die Erhebung eines Grenzwertes sei, sondern sich lediglich für die Industrie umsetzbare Voraussetzungen wünsche und dass alle wichtigen Fragen im Vorfeld geklärt werden. Die Flaxseed Trading S.A. sei der Meinung, dass der vorgeschlagene Grenzwert von 150 mg/kg die Einfuhr von Leinsaat in Europa sehr erschweren oder vielleicht sogar unmöglich machen wird.

„Wir überwachen diesen Parameter bereits seit vielen Jahren, da es bereits einen Grenzwert für Futtermittel (250 mg/kg) gibt. Das ist ein realistischer Wert, und die Mehrheit der Leinsaat liegt darunter, aber wir finden kaum Werte unter 150 mg/kg.“ Bei gelber Leinsaat sei es laut Vanhulle besonders schwer, auf diesen Grenzwert zu kommen. Hier liege man kaum unter 200 mg/kg und häufig bei 250 mg/kg.

Ein weiteres Problem sieht Flaxseed Trading S.A. darin, dass es anscheinend erhebliche Unterschiede zwischen den Labors und den verwendeten Testmethoden gibt. „Einige testen nicht auf den gesamten Blausäuregehalt, und wenn diese Daten als Grundlage für einen Grenzwert verwendet werden, könnte dies Anlass zu großen Bedenken geben“, so Vanhulle. „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit unserem Labor zusammen, und sie haben immer betont, dass die von ihnen angewandte Methode die richtige ist. Wir stellen in der Tat fest, dass wir oft höhere Werte als andere haben, aber solange es keine Einigkeit über den richtigen Test mit der richtigen Messunsicherheit gibt, arbeiten wir lieber mit unserem Labor und den höheren Werten als umgekehrt.“

Abschließend verweist Vanhulle auf einen Bericht der European Food Safety Authority (EFSA) aus dem April 2019, über die „Bewertung der Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit blausäurehaltigen Lebensmitteln abgesehen von rohen Aprikosenkernen“ (Evaluation of the health risks related to the presence of cyanogenic glycosides in foods other than raw apricot kernels). Hier erklärte die EFSA unter anderem, dass „die Cyanid-Exposition durch verarbeitete Lebensmittel, die CNGs enthalten, ebenso gut überschätzt werden könnte, wenn man nur ihren Gesamtcyanid-Gehalt zugrunde legt, weil die Lebensmittelverarbeitung (wie z.B. Erhitzen) nicht nur die Menge an Gesamtcyanid reduziert, die in der Routineanalyse bestimmt wird, sondern auch die Aktivität des abbauenden Enzyms, die normalerweise in Routineanalysen nicht bestimmt wird“. Eine der abschließenden Empfehlungen der EFSA lautet, dass „validierte Methoden für die Quantifizierung von CNG und Gesamtcyanid in verschiedenen Lebensmitteln erforderlich sind“.

Nach dem Verständnis der Flaxseed Trading S.A., würde die EFSA anerkennen, dass das Gutachten aufgrund des Mangels an verfügbaren Daten und einer Liste von Unsicherheiten zu konservativ ist. Das Gutachten stellt auch fest, dass die Daten über die chronische Toxizität von Blausäure nicht ausreichen, um zu bestimmen, ob es potenzielle Risiken für Verbraucher in der EU-Bevölkerung gibt. 

Potenzielles Gesundheitsrisiko ist vorhanden

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat in ihrer Bewertung von Leinsamen als pflanzliches Arzneimittel, die allgemeine Empfehlung von 10-15 g Leinsamen 2-3 Mal pro Tag als Laxativ für Erwachsene, ältere Menschen und Jugendliche als effektiv und sicher eingestuft (EMA 2015). Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES) hat im Jahr 2017 eine Risikobewertung für Cyanogene Glycoside in Leinsamen veröffentlicht. Darin kommt die AGES zu folgendem Schluss: „Zusammenfassend besteht für moderaten Verzehr von geschrotetem Leinsamen ab einem Alter von 13 Jahren kein Gesundheitsrisiko. Zugleich kann ein gesundheitliches Risiko durch den Verzehr von geschrotetem Leinsamen für Kinder bis 13 Jahre sowie für Erwachsene und Jugendliche mit überhöhtem Konsum (über 30 g pro Mahlzeit) nach heutigem Wissensstand nicht ausgeschlossen werden. Ganzer, nicht geschroteter Leinsamen stellt aufgrund der zu vernachlässigenden Bioverfügbarkeit der in ihm enthaltenen Stoffe kein Gesundheitsrisiko für alle Altersgruppen in Bezug auf Cyanid dar. Ebenfalls ist eine Gefährdung der Gesundheit durch Cyanid durch den Verzehr von Leinöl in allen Altersgruppen auszuschließen.“

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