Sonstige Themen - Interviews

LAK OE: Wie Experten und Landwirte zusammengebracht werden

22. Juni 2020 08:16, Der AUDITOR
Frau Dr. Olga Hunger, Regionaldirektorin Osteuropa/Quelle: DLG/EuroTier
Frau Dr. Olga Hunger, Regionaldirektorin Osteuropa/Quelle: DLG/EuroTier
Bericht als Audio abspielen

SEEHEIM/FRANKFURT. Die AUDITOR-Redaktion hat sich mit Frau Dr. Olga Hunger, Regionaldirektorin Osteuropa beim DLG e.V., unterhalten, wie sie das Verhältnis zwischen EU und Russland einschätzt, welche Hürden es in der Zusammenarbeit aufgrund unterschiedlicher Anforderungen im Agrarbereich gibt und welche Rolle Online-Handelsplattformen für eine bessere Kommunikation spielen.

AUDITOR: Das Verhältnis zwischen EU und Russland ist nicht konfliktfrei. Wie kann man sich hier die Zusammenarbeit vorstellen?
Dr. Hunger: In unserer Zusammenarbeit mit Russland steht der Austausch über Fachthemen im Agrar- und Ernährungsbereich im Mittelpunkt. Wir sind überzeugt, dass dieser Austausch für beide Seiten wichtig und gewinnbringend ist. Wir entwickeln und fördern Plattformen für den fachlichen Dialog und bringen gezielt Experten und Landwirte zusammen. So schaffen wir die Basis für ein besseres gegenseitiges Verständnis und für die Aufrechterhaltung der fachlichen und geschäftlichen Beziehungen. Im Zuge des Embargos hat Russland zwar die Grenzen für einige Lebensmittel aus der EU geschlossen, der Handel mit Saatgut, Zuchttieren, Maschinen und Anlagen für die Land- und Lebensmittelwirtschaft ist aber nach wie vor möglich. Davon profitiert die europäische Agrarbranche. 

AUDITOR: In Deutschland sind wir immer bestrebt, die Landwirtschaft zu modernisieren. Die Ökologie steht im Vordergrund und Artensterben soll verhindert werden. Deshalb wird der Einsatz vieler Pestizide untersagt und dazu aufgerufen, Hecken und Gebüsche stehen zu lassen. Wie sieht es in Osteuropa aus?
Dr. Hunger: Es gibt aus meiner Sicht drei wichtige Faktoren, durch die sich die Situation in Osteuropa von der in Deutschland unterscheidet. Das sind der Verbraucherwohlstand, die Flächenausstattung und die Produktionsintensität. In Russland werden zum Beispiel im Durchschnitt 37 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, in Deutschland hingegen nur 12 Prozent. Lebensmittelpreise spielen für die meisten Bevölkerungsschichten Russland eine deutlich wichtigere Rolle als Nachhaltigkeit, Biodiversität oder andere Aspekte der landwirtschaftlichen Produktion, die in Deutschland im Fokus der öffentlichen Diskussionen stehen. Die Verbrauchersensibilität für diese Themen und ein sich daran orientierendes Konsumverhalten sind nicht so ausgeprägt wie in Deutschland, so dass die Umstellung landwirtschaftlicher Produktionsmethoden langsamer voranschreitet. Trotzdem wächst natürlich auch in osteuropäischen Ländern das Bewusstsein für die umweltschonende Landwirtschaft. Der Trend zu mehr ökologischen Produktion ist dabei vor allem das Ergebnis steigender Exporte von Öko-Produkten. 
Ein weiterer Unterschied besteht zwischen den Produktionsintensitätsstufen in Deutschland und Osteuropa. Die meisten osteuropäischen Ländern haben im Vergleich zu Deutschland den Vorteil, dass sie reichlich mit Agrarflächen ausgestattet sind. Sie können sich eine extensive Wirtschaftsweise erlauben. Der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln ist bei weitem nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Vergleicht man zum Beispiel die Weizenerträge, so liegen sie in Kasachstan im Durchschnitt bei 12 dt/ha und in Deutschland bei 74 dt/ha. 
Anders sieht die Situation in der Tierproduktion aus. Die Konzentration der großen Tierbestände bringt Probleme mit der Verwertung von Mist und Gülle mit sich. Hier herrschen zum Teil schärfere Regelungen als in Deutschland. Dennoch rechnet es sich für Agrarbetriebe oftmals nicht, die Gülle gleichmäßig auf die gesamte Acker- und Grünlandfläche auszubringen. Die Investitionskosten für notwendige Technik, große Entfernungen und die Ausgaben für Kraftstoff übersteigen den wirtschaftlichen Nutzen. Deshalb wird in manchen Betrieben der Wirtschaftsdünger vor allem auf die umliegenden Felder ausgebracht, die nur einen kleinen Anteil an der gesamten Agrarfläche des Betriebes ausmachen. So sind zu hohe Nitratbelastungen auf einzelnen Agrarflächen durchaus möglich. Durchschnittswerte für die Ausbringungsmengen und Erträge bilden also nicht immer die reale Situation ab. Das betrifft nicht nur die Ausbringung von organischem Dünger, sondern auch von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln. 

AUDITOR: Die Belastung mit Pestiziden und ähnlichen Chemikalien schränkt den Handel ein, da Höchstwerte überschritten werden. Welche Erfahrungen haben Sie bezüglich der Bemühungen dieser Staaten, dieses Problem in den Griff zu bekommen, gemacht? Gibt es ein Umdenken?
Dr. Hunger: Die höhere Belastung mit Pestiziden ist häufig auf das Nichtbeachten von Ausbringungsvorgaben, Dosierungen oder anderen Vorschriften der Hersteller zurückzuführen. Die Reduzierung der Umweltbelastung durch eine stärker regulierte Ausbringung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln wird politisch und gesellschaftlich kaum thematisiert. Das ist vor allem den vorher erwähnten drei Faktoren geschuldet. Werden der Wohlstand sowie Produktionsintensität weiter steigen und Agrarflächen knapper, wird das auch ein Umdenken fördern. Zurzeit sind die einzigen treibenden Kräfte, die die Agrarunternehmen dazu bringen, ihre Strategien in der Pflanzenproduktion zu ändern, vor allem die Kostenreduzierung und der internationale Handel. Denn hier werden die Anforderungen an die Reduktion von Belastungen mit agrochemischen Reststoffen hochgeschraubt.
Unsere Aufgabe als DLG sehen wir in diesen Ländern im Technologie- und Wissenstransfer sowie in der Weiterbildung der Landwirte in Bezug auf den abgestimmten Einsatz von moderner Technik, Betriebsmitteln und Bewirtschaftungsmethoden, um den Pflanzenschutz und die Düngung weiter zu professionalisieren. 

AUDITOR:Die DLG fördert mit Wissens-, Qualitäts- und Technologietransfer den Fortschritt in der Land-, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft weltweit und trägt dazu bei, die globalen Lebensgrundlagen nachhaltig zu sichern.“ Das ist nach eigenen Angaben die Vision der DLG. Wie stellt sich die Zusammenarbeit in diesem Bereich mit den osteuropäischen Ländern dar?
Dr. Hunger: Unsere drei wichtigsten Kompetenzfelder sind Wissensmanagement und Know-how-Transfer, die Organisation von Fachmessen, Konferenzen und Tagungen sowie das Testen von Lebensmitteln, Landtechnik und Betriebsmitteln. Der Netzwerk-Gedanke steht dabei immer im Mittelpunkt – auch in den osteuropäischen Ländern. Dafür schafft die DLG Plattformen und Strukturen für den fachlichen Austausch. Von elf ausländischen Tochtergesellschaften der DLG sind fünf in Osteuropa (Bulgarien, Polen, Rumänien, Russland, Ukraine). In sieben osteuropäischen Ländern veranstaltet bzw. unterstützt die DLG 19 Fachmessen. Die DLG gestaltet den Dialog zwischen Experten aus Osteuropa und anderen Ländern im Rahmen von Konferenzen, Diskussionsrunden, Tagungen – begleitend zu den Messen oder als eigenständige Veranstaltungen. In verschiedenen Fachgremien und Ausschüssen der DLG werden aktuelle Fragestellungen diskutiert, Empfehlungen ausgearbeitet und kommuniziert. Ein Beispiel dafür ist der DLG-Länderarbeitskreis Osteuropa, in dem fachliche Themen und spezielle Herausforderungen in Osteuropa im Kreis von Landwirten, Wissenschatlern, Industrievertretern aus Deutschland, Belarus, Kasachstan, Kroatien, Polen, Russland, Ukraine bearbeitet werden.
Auch im Bereich von Qualitätstests arbeiten wir mit Herstellern aus Osteuropa zusammen. Ob Lebensmittel-, Landtechnik- oder Betriebsmittel, osteuropäische Hersteller lassen ihre Produkte in den DLG-Testzentren der DLG testen, um eine unabhängige Qualitätsbewertung und Hinweise auf Optimierungsmöglichkeiten zu erhalten. Auch die Qualitätsauszeichnungen der DLG für Lebensmittel und Landtechnik erfreuen sich wachsendem Interesse. 

AUDITOR: Auch in Europa können wir eine Zunahme des Protektionismus beobachten. Bekommt die DLG das auch zu spüren? Macht sich das bei den Geschäften bemerkbar? Ist im Handel ein rückläufiger Trend zu erkennen?
Dr. Hunger: Die DLG ist offenes Netzwerk der Land-, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. Als Fachorganisation und Veranstalter von Tagungen und Messen sind wir nur mittelbar von Entwicklungen im internationalen Handel betroffen. In verschiedenen, vor allem europäischen Ländern gibt es Export fördernde Organisationen, die von der Regierung unterstützt werden. Diese Organisationen helfen den landeseigenen Unternehmen bei der Erschließung von neuen Märkten, in dem sie Markterkundungsreisen und Messebeteiligungen fördern. Weltweit arbeiten wir mit solchen Organisationen zusammen und begleiten sie in die neuen Märkte. 

AUDITOR: Glauben Sie, Handelsplattformen wie Mundus Agri können den internationalen Handel mit Agrarrohstoffen stärken und dazu beitragen, die Beziehungen verbessern?
Dr. Hunger: Auf jeden Fall. Handel ist auch eine Form des Dialogs. Er fördert die Beachtung gegenseitiger Interessen, schafft Win-Win-Situationen und treibt den Fortschritt voran. Das ist wichtig für die internationalen Beziehungen. 

AUDITOR: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Dr. Hunger: Unsere größten internationalen Projekte sind die Weltleitmessen Agritechnica für Landtechnik und EuroTier für die Tierhaltungsprofis, die abwechselnd jedes zweite Jahr in Hannover stattfinden. Im Rahmen von diesen Plattformen bringen wir tausende Anbieter aus mehr als 60 Ländern mit hunderttausenden Fachbesuchern aus über 120 Ländern zusammen.
Aufgrund der Corona-Pandemie und die Perspektiven für den internationalen Reiseverkehr mussten wir unseren Messen EuroTier und EnergyDecentral, die im November 2020 stattgefunden hätten, nun um drei Monate auf den 9. bis 12. Februar 2021 verschieben. Unsere Messen sind globaler Treffpunkt für Experten und Entscheider der gesamten Branche. Sie leben von ihrer Internationalität und dem persönlichen Austausch bei Ausstellern und Besuchern. Diese Netzwerke aufzubauen ist eine langfristige Arbeit und persönliche Anstrengung aller Beteiligten. 

AUDITOR: Gibt es noch etwas, das Sie gerne ergänzen möchten?
Dr. Hunger: Ich wünsche der Handelsplattform Mundus Agri viel Erfolg. Sie verbinden Märkte und Menschen, solche Vorhaben unterstützen wir gerne. 

AUDITOR: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Hunger.


DLG Länderarbeitskreis Osteuropa
DLG-Länderarbeitskreis Osteuropa (LAK OE) wurde gegründet, um den Austausch von Fachwissen unter landwirtschaftlichen Praktikern, Agribusiness-Vertretern, Beratern und Wissenschaft über Themen, die für die Länder Osteuropas relevant sind, zu fördern. Der LAK OE verfolgt fachliche Ziele. Somit tritt LAK OE als fachliche Stimme gegenüber der Ministerien, Fachverbänden und anderen Organisationen im In- und Ausland auf.
Im LAK OE schließen sich Akteure aus Landwirtschaft, Industrie, Politik, Wissenschaft und dem Agribusiness zusammen. Der Arbeitskreis besteht zurzeit aus 16 Mitgliedern, darunter Vertreter aus den Ländern Belarus, Deutschland, Kasachstan, Polen, Russland und Ukraine.

Dies könnte Sie ebenfalls interessieren

zur Nachrichten-Übersicht
Interviews
23.11.2020
BERLIN. Im Zuge einer Videokonferenz hat sich Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel gemeinsam mit dem griechischen Landwirtschaftsminister Mavroudis Voridis Gedanken zur Sicherung der Lebensmittelkette in Zeiten der Corona-Pandemie gemacht. Lesen Sie hier Fuchtels Statement.
Aktuelles
20.11.2020
WIESBADEN. Donald Trumps letzte Tage im Amt befeuern den explosiven US-Iran Konflikt. Dies hat auch praktische Folgen für den Lebensmittelrohstoffhandel. Iran-Experte Dawood Nazirizadeh erklärt, im Interview mit dem AUDITOR, worauf sich Exporteure, Händler und Käufer in den nächsten Monaten einstellen müssen und welche Folgen Trumps „Maximum Pressure“ Politik aus Sicht des Irans hat.
Interviews
22.09.2020
SEEHEIM-JUGENHEIM. Im September verhandeln der Bund und die Versicherer über eine mögliche Verlängerung des Schutzschirms über den 30. Dezember 2020 hinaus. In den vergangenen Wochen taten allerdings immer mehr Marktteilnehmer ihren Unmut kund, da ihre Kreditversicherer für viele Aufträge Kreditrahmen reduziert und teilweise keine Versicherung mehr angeboten haben sollen.
Interviews
16.09.2020
NUR-SULTAN/SEEHEIM. Im zweiten Teil des Interviews erklären die Rechtsexperten von Rödl & Partner unter anderem, wie es zu einer Doppelbesteuerung kommen kann und mit welchen anderen Problemen sich ausländische Investoren konfrontiert sehen können.