Jammern füllt keine Kammern

22. April 2020 um 10:49 , Der AUDITOR
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SEEHEIM-JUGENHEIM. Michael Gütlich, Geschäftsführer der Dedere Deutschland GmbH, stellt sich die Frage: In welchem Maße ist Jammern in der aktuellen Situation angebracht? Oder sollte nicht lieber jeder, der die Möglichkeit hat, die Ärmel hochkrempeln und mit anpacken?

Ein ganz akutes Problem, das aktuell in Deutschland vorherrscht, ist die große Ungeduld. Wir sind erst seit kurzer Zeit durch die Corona-Maßnahmen eingeschränkt und von Tag eins an hört man regelmäßige Beschwerden, dabei stehen wir erst am Anfang der Pandemie. Es sind doch Zeiten wie diese, in denen man feststellt, was wirklich wichtig ist: Gesundheit und die entsprechende medizinische Versorgung, Nahrung, Familie, und ich stimme denen zu die sagen, dass man auf diesen Gebieten adäquate Lösungen finden muss, damit auch Oma und Opa nicht auf Dauer isoliert bleiben müssen. Auf diesen Gebieten sind Diskussionen durchaus sinnvoll. Wir müssen das Risiko ernst nehmen und Vorsorge tragen. Wofür mir allerdings das Verständnis fehlt sind die Menschen, die sich beschweren, weil ihr Luxusleben, das sie für ihr Recht halten, eingeschränkt ist. Aktivitäten wie Kinobesuche, Konzerte, Fußballspiele etc., das sind Dinge, auf die wir sehr leicht verzichten können und einfach auch müssen. Ausweichmöglichkeiten wie Youtube und Netflix können hier über diese Durststrecke helfen und viele Künstler bemühen sich, über diese Kanäle ihr Publikum zu erreichen. Und wenn wir einen Blick auf den Rest der Welt werfen, können wir uns hierbei noch ziemlich glücklich schätzen; viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, über das Internet solche Angebote wahrzunehmen oder mit Familie und Freunden zu kommunizieren.

Deutschland, das Land der Dichter und Denker und eine absolute Kulturnation – in normalen Zeiten lässt sich das gut durchsetzen. Wenn jedoch unsere Kultusministerin in Corona-Zeiten betont, wie wichtig die Kultur für unser Leben ist, dann möchte ich am liebsten auf die Teile der Erde verweisen, in denen Menschen täglich um das Überleben kämpfen und deren Gesundheitsversorgung so schwach strukturiert ist, dass sie einer Pandemie wie Covid-19 praktisch nichts entgegensetzen können. Ob ihnen der Opernbesuch auch so wichtig ist? Die aktuelle Situation erfordert es einfach, neue Maßstäbe zu setzen. Es ist durchaus verständlich, dass viele Künstler sich Sorgen um ihre Existenz machen, doch Umdenken ist hier das große Stichwort. Was in den meisten anderen Ländern wie Russland und China oder auch in den USA schon lange selbstverständlich ist, stößt in Deutschland auf starken Widerstand: Wenn meine eigentliche Arbeit zurzeit kein Einkommen sichert, muss ich mich umorientieren.

Allein in der Landwirtschaft werden zurzeit so viele Helfer gesucht wie vielleicht noch nie – das ist meiner Meinung nach eine deutlich bessere Alternative, als sich auf Zahlungen von Seiten des Staates zu verlassen. Dabei darf ja nicht vergessen werden, dass es sich hierbei nur um Übergangslösungen handelt, denn die Kulturangebote sind ja keineswegs verloren, sondern finden lediglich für eine Weile auf anderen Kanälen statt. Viele Betroffene, die mittlerweile in Kurzarbeit arbeiten oder ihrem Job aktuell gar nicht nachgehen können, haben diese Chance auch bereits ergriffen und helfen den Landwirten aus. Diesen Menschen gehört mein Respekt, denn sie tragen tatsächlich dazu bei, die „Kammern zu füllen“ – das ist die Solidarität, die wir brauchen. In meiner Jugend war es noch völlig selbstverständlich, in den Herbstferien bei der Weinlese auszuhelfen und sich dort sein Taschengeld aufzubessern – wann ist es dazu gekommen, dass viele Leute solche Aufgaben für unter ihrer Würde halten? Diese Dekadenz ist nicht nachvollziehbar und wird auch von den Medien geschürt, die lieber über Mittzwanziger berichten, die sich darüber beschweren, zu wenig staatliche Hilfe zu bekommen, statt kritisch zu hinterfragen, warum sie nicht den Aufgaben nachgehen, die aktuell vermehrt anfallen. Wer gesundheitlich dazu in der Lage ist und arbeiten kann, der sollte das auch tun und sich nicht permanent beklagen.

Wann können wir endlich wieder in den Urlaub fahren? Das war eine der ersten Fragen und nach wie vor wird das Thema täglich in den Medien behandelt. Dabei ist es auch der Regierung schlichtweg nicht möglich, hier eine Antwort zu geben; weder wissen wir, wie sich die Situation in Deutschland entwickelt, noch ist abzuschätzen, welche Maßnahmen andere Länder in Zukunft treffen. Stattdessen sollten nach den wichtigsten Themen wie Gesundheitsversorgung zunächst Aspekte wie das sichere Arbeiten und eine Sicherstellung der Logistik behandelt werden. Essen müssen wir schließlich alle, während der scheinbar obligatorische Sommerurlaub durchaus auch einmal verzichtbar ist. Wie auch immer die Regelungen für die anstehenden Sommerferien aussehen mögen, wir können uns jetzt schon darauf einstellen, dass es viele Beschwerden geben wird.

 Schauen wir in andere Länder, in denen es wesentlich striktere Auflagen wie komplette Ausgangssperren gibt, stellen wir gleichzeitig fest, dass es dort auch möglich ist, diese Zeit auszusitzen, ohne täglich neue Beschwerden loszuwerden. Das ist meiner Meinung nach auch einfach ein Aspekt der Solidarität, der hierzulande noch fehlt. Solidarität reicht oft nur soweit, bis man selbst betroffen ist; Opfer möchten die wenigsten bringen, sie sind zurzeit jedoch unerlässlich. Auch die Politik muss hierbei besser agieren. Der Umgang mit dem Virus darf nicht durch zwei Fraktionen bestimmt werden – die, die „an das Virus glauben“, und die Anderen, die alles für übertrieben halten. Einheit ist hier essenziell, die Regeln dürfen nicht so stark aufgeweicht werden und Maßnahmen wie die Maskenpflicht sind unumgänglich. Querschläger wie Bolsonaro oder Trump, die unbedacht agieren und nur auf ihre Selbstdarstellung aus sind, indem sie an Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen teilnehmen oder die Krise für ihre Anti-Einwanderungspolitik nutzen, sind in diesem Falle eine größere Gefahr als je zuvor – das muss Deutschland besser machen und zum Glück tut es das auch.

Von jedem einzelnen würde ich mir wünschen, darüber nachzudenken, was man selbst dazu beitragen kann, diese Situation für alle erträglicher zu machen. Viele tun dies bereits und leisten ihren Beitrag dazu, die schwierige Lage besser zu meistern – diese Menschen sollten wir als Vorbilder sehen. Mit Jammern ist letzten Endes niemandem geholfen – wirkliche Solidarität und Eigeninitiative sind gefragt!

Von Michael Gütlich

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