Iran: Shutdown würde dem Land den Rest geben

16. April 2020 um 08:25 , Der AUDITOR
Für Dawood Nazirizadeh ist der Iran ein Markt voller ungeschöpfter Potenziale.
Für Dawood Nazirizadeh ist der Iran ein Markt voller ungeschöpfter Potenziale.
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TEHERAN/SEEHEIM-JUGENHEIM. Donald Trump, US-Sanktionen der Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs. Seit die USA den Atom-Deal mit dem Iran gekündigt haben gleicht das Land einem Pulverfass im Nahen Osten. In einem Interview mit Mundus Agri erläutert der Iran Wirtschafts- und Kulturexperte Dawood Nazirizadeh seine Einschätzungen zu Covid-19 im täglichen Leben, dem Gesundheitswesen, dem wirtschaftlichen Handel und der Stimmung im Land.

Dawood Nazirizadeh hat in London, Newcastle und Hamburg International Strategy, Marketing und Sozialökonomie studiert. Er war unter anderem für Roland Berger, Ernst & Young, L.E.K. Consulting und NTT DATA tätig. Nazirizadeh Consulting, mit Sitz in Wiesbaden, berät Unternehmen zum Thema Iran. Nazirizadeh arbeitet zudem für das Wirtschaftsministerium in Mainz und engagiert sich auf politischer Ebene für den Dialog mit dem Iran. Er ist Vorsitzender der Wiesbadener Akademie für Integration und ein Mitglied des Islam Expertengremiums der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

Herr Nazirizadeh, nach Ihrer Ankunft im Iran haben Sie sich in Quarantäne begeben. Wo genau sind sie jetzt?
Nazirizadeh:
Derzeit befinde ich mich in meiner Dienstwohnung in Teheran. Die iranischen Behörden haben aufgerufen so weit wie möglich Kontakte zu vermeiden. Daher bin ich nur zum Einkaufen unterwegs. Das Home-Office ist aktuell mein Zentrum der Kreativität.

 

Welche Quarantäne-Maßnahmen gibt es im Iran und wie ist Ihre persönliche Erfahrung?
Nazirizadeh:
Die iranischen Behörden haben dazu aufgerufen die Empfehlungen der WHO einzuhalten und möglichst Zuhause zu bleiben. Aktuell sind alle Läden, die nicht unmittelbar lebensnotwenig sind, geschlossen. Wenn ich Schreibmaterial, Blumen oder Elektrogeräte kaufen möchte, geht es aktuell nur online. Darüber hinaus sind die Autobahnen geschlossen und es können nur sehr bedingt inneriranische Reisen angetreten werden.

 

Wie werden die Menschen im Iran auf Abstand gehalten, halten sich die Leute an den „social distancing“-Regeln und wie wird die Einhaltung der Regeln überwacht?
Nazirizadeh:
Der Staat verbietet nichts, sondern appelliert an die Vernunft der Bürger. Anders sieht es aus, wenn es um die Gewerbeerlaubnis im Einzelhandel geht, diese wurden massiv eingeschränkt. Genauso wurden auch die Landstraßen im Iran gesperrt. Schulen, Universitäten und sonstige Sport- und Kulturstätten sowie Parks sind geschlossen. Hotels und Unterkünften wurde vorübergehend die Gewerbeerlaubnis entzogen. Darüber hinaus hat die Regierung ihren Mitarbeitern die Arbeitszeiten verkürzt bei vollen Bezügen.

 

Sind, wie in so vielen anderen Ländern auch, Hamsterkäufe und Lieferengpässe ein Problem im Iran?
Nazirizadeh:
Hamsterkäufe sind im Iran kein Problem. Alle Lebensmittel sind ohne Beschränkungen vorhanden. Engpässe sind vereinzelt bei Desinfektionsmittel, Handschuhen und Masken für die Bevölkerung zu verzeichnen. Meine Kontakte in den Krankenhäusern bestätigen, dass die Lage sehr schwer ist aber mittlerweile ausreichend Schutzausrüstung vorhanden sein soll.

 

Der Iran ist von Covid-19 besonders betroffen. Wie zuverlässig sind, Ihrer Meinung nach, die offiziellen Zahlen bezüglich Infektionen und Todesfällen?
Nazirizadeh:
Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Infizierten 5-10-mal so hoch ist wie die offiziellen Zahlen im Iran. So bewerten Experten übrigens auch die Zahlen vom Robert-Koch-Institut in Deutschland.

 

Obwohl die Infektions- und Sterberate stark angestiegen ist, hat der Iran internationale Hilfe im Gesundheitswesen abgelehnt. Wie gut sind die Krankenhäuser, in Ihren Augen, ausgestattet?
Nazirizadeh:
Laut offiziellen Angaben ist der Peak in Iran erreicht worden. Dabei stehen weiterhin ausreichend Betten in den Krankenhäusern zur Verfügung. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Gesundheitssystem im Iran nicht so weit wie in Deutschland privatisiert ist und bei weiten nicht so effizient gestaltet ist. Das hat in Krisensituationen den Vorteil, dass mehr Flexibilität und Ressourcen zur Verfügung stehen.
Anders sieht es mit der Ausstattung aus. Hier hat der Iran offiziell um internationale Hilfe gebeten und Druck gemacht die völkerrechtswidrigen US-Sanktionen auszusetzen. Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich haben bereits im März Ausrüstung für Labortests sowie weitere Ausstattung, wie Schutzanzüge und Handschuhe, in den Iran geschickt.

 

Welche Maßnahmen wurden im Iran getroffen, um den wirtschaftlichen Schaden abzumildern?
Nazirizadeh:
Tatsächlich wurden im Vergleich zu Deutschland kaum Maßnahmen für die Wirtschaft getroffen. Das sanktionsgeschädigte Land hat lediglich für die ganz Schwachen eine Sozialhilfe und eine Arbeitslosenversicherung. Das ist auch mit der Grund warum es hier nicht zum Shutdown gekommen ist. Die wirtschaftlichen Folgen hätten dem Land den Rest gegeben.

 

In der internationalen Presse gibt es Stimmen, die eine Lockerungen der Sanktionen im Iran fordern, um der Bevölkerung das Leben in der Krise zu erleichtern. Wie gehen die Menschen mit der Pandemie um und wie ist die Stimmung im Land?
Nazirizadeh:
Die völkerrechtswidrigen Sanktionen haben bereits vor der Pandemie viele Menschenleben gekostet, wenn wir allein an die Krebserkrankten denken, die teilweise sehr spezielle Medizin benötigen. Da die USA weiterhin an den Sanktionen in so einer Zeit festhalten, nimmt auch keiner die Hilfsangebote der USA ernst. Die Bevölkerung fühlt sich im Stich gelassen.

 

Ihr Firmensitz ist in Wiesbaden und Ihre Beratungsexpertise für Unternehmen, die in und mit dem Iran handeln wollen, wird sehr wertgeschätzt. Was raten Sie Unternehmen in Europa, die Handelspartner im Iran haben, in der aktuellen Situation?
Nazirizadeh:
Der Iran ist einer der interessantesten Märkte weltweit, wenn da die politischen Probleme nicht wären. Es ist ein Markt voller unausgeschöpfter Potenziale. In der aktuellen Phase sollten einige Unternehmen den Handel einstellen, andere sollten sich gut beraten lassen, wie es weiter gehen kann. In jeden Fall sollte man die persönlichen Kontakte weiterhin pflegen. Denn eines Tages wird es sicherlich besser werden und dann zahlt es sich aus, schon einen Fuß in der Tür zu haben. Spannend zu beobachten ist, dass viele den Iran abschreiben, obwohl es Wege gibt weiterhin Geschäfte umzusetzen. Der Handel ist massiv geschrumpft, aber es gibt weiterhin Handel mit dem Iran.

 

Welche kulturellen Unterschiede spielen für Unternehmen im Iran und in Europa eine Rolle?
Nazirizadeh:
Die Europäer sind organisierter, die Iraner flexibler. Das kann man auch gut im Verkehr beobachten. Obwohl es im Iran nicht mehr Unfälle in den Städten gibt als in Deutschland, kostet es viel mehr Nerven durch den Verkehr zu kommen.

 

Die Ausbreitung von Covid-19 zieht für den Iran einen großen Exportrückgang landwirtschaftlicher Produkte mit sich. Händler berichten, dass sich die Situation an den Landesgrenzen kontinuierlich ändert und auch dass der Schiffsverkehr vor praktischen Problemen steht. Wie ist es für die Lieferanten im Iran dennoch möglich ihre Waren zu exportieren und welchen Einschränkungen unterliegt der Import?
Nazirizadeh:
Das ist richtig. Irans Im- und Export steht fast still. Allerdings stand der Schiffsverkehr mit Europa, wegen den Sanktionen, bereits vorher still. Die Ländergrenzen sind für LKWs so gut wie zu. Der Flugverkehr war bereits, wegen der aus Versehen abgeschossenen Ukraine Airline-Maschine, massiv eingeschränkt und ist nun durch Covid-19 auf das letzte Minimum reduziert worden. Der einzige praktikable Weg, den es aktuell gibt, ist über den Bahnverkehr über die Türkei nach Europa.

 

Die US-Sanktionen und die Tatsache, dass der Iran seit Ende Februar auf der schwarzen Liste der Financial Action Task Force (FAT)F steht, bedeutet dass alle Staaten die finanzielle oder kommerzielle Transaktionen mit dem Land durchführen bestraft werden, ausgenommen sind medizinische Produkte und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Wie können Unternehmen im Iran noch Handel betreiben?
Nazirizadeh:
Die Entscheidung der FATF hat faktisch keine großen Auswirkungen mit sich gebracht, da der Iran vorher auch nicht Mitglied der FATF war. Es gibt mehrere Wege mit Iran Handel zu betreiben. Das Hauptproblem ist die Devisenknappheit und nicht die Transaktionen an sich.

 

Händler im Iran berichten, dass finanzielle Transaktionen eine große Hürde darstellen. Welchen Optionen stehen Unternehmen im Iran und Europa hierbei noch offen?
Nazirizadeh
: 1) Wenn der Käufer im Iran an staatliche Devisen rankommt, kann man den Zahlungsverkehr durch Niederlassung von iranischen Banken in Hamburg oder München umsetzen.
2) Alternativ kann man den Zahlungsverkehr über die iranische Devisenplattform NIMA umsetzen. Dort kauft man Devisen von anderen iranischen Unternehmern, die ins Ausland Güter verkauft haben.
3) Seit Neuestem ist auch die INSTEX (europäisches Instrument in Support of Trade Exchanges) aktiv geworden. Diese ist ein Verbuchungsinstitut die Geschäfte miteinander abwickelt ohne dass es zum tatsächlichen Zahlungsverkehr mit dem Iran kommt.

 

Wie würden Sie sich wünschen, dass der Iran angesichts der aktuellen Krise agiert?
Nazirizadeh
: Als neutraler Beobachter steht es mir nicht zu über die Krisenbewältigung zu urteilen. Allerdings birgt jede Krise immer neue Möglichkeiten. Im Iran-US Konflikt stehen wir vor einer Sackgasse. Hier könnte die Krise als Möglichkeit gesehen werden. Horrorszenario wäre ein kriegerischer Akt im Mittleren Osten, um die Schwäche der USA durch die Corona-Krise zu nutzen. Ich hoffe allerdings, dass die Krise genutzt wird, um vergangene Knoten in den Verhandlungen zu lösen. Trump ist ein Deal Maker und die Iraner wissen strategisch zu Verhandeln. Es gibt immer einen Weg, diesen müssen kluge Köpfe nun finden.
Zur aktuellen Situation fällt mir ein chinesisches Sprichwort ein: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen“

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