Eine Frage der Moral?

7. Mai 2020 um 14:25 , Der AUDITOR
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SEEHEIM/ANKARA. In den türkischen Medien finden sich aktuell sehr viele Berichte darüber, wie das Land die ganze Welt mit humanitärer Hilfe unterstützt. Da ist die Rede von einer halben Million Atemschutzmasken, die an die USA gespendet wurden, von weiteren Spenden an insgesamt 56 Länder – und von 2 Millionen Mund-Nasen-Schutzmasken, die im Stillen nach Nordrhein-Westfalen geschickt wurden.

In Anbetracht der Tatsache, dass bereits große Medien wie die ARD und der Focus über dieses Thema berichtet haben, ist die Übergabe wohl doch nicht ganz so geheim geschehen, wie es in der Türkei beschrieben wird. Dennoch ist der Ärger auch ein wenig nachvollziehbar, denn von einem offiziellen Dankeschön wird nirgends berichtet. Stattdessen wurde die Spende mit großer Kritik angenommen. Cem Özdemir bezeichnet sie als „durchschaubares Manöver“, während Außenminister Heiko Maas sie zunächst gar nicht annehmen wollte. Bereits im vergangenen Jahr kritisierte er das menschrechtsverletzende Verhalten des türkischen Staatschefs Erdogan. Dieser konterte prompt. „Wenn du etwas von Politik verstehen würdest, würdest du nicht so sprechen“, wird er im Focus zitiert. Hier tun sich nun die eigentlichen Probleme auf. Fakt ist, die Masken wurden – auch auf ausdrücklichen Wunsch des Nordrhein-Westfälischen Ministerpräsidenten Laschet hin – angenommen und eine offizielle Danksagung wäre daher in jedem Fall angebracht. Bei der Frage, ob es richtig war, die Maskenspende überhaupt anzunehmen, scheiden sich jedoch die Geister.

Es sei nicht mit der Moral Deutschlands vereinbar, Geschenke von einem diktatorischen Staat wie der Türkei anzunehmen, die vor allem im Punkt der Menschenrechte nicht mit unseren Maßstäben übereinstimmt, sagen die einen. Das mag nachvollziehbar sein, doch: warum ist die Zusammenarbeit mit der Türkei in punkto Flüchtlingsdeal dann in Ordnung? Wird hier vielleicht mit zweierlei Maß gemessen, solange das eigene Wohl gefördert wird? Im Falle der Maskenspende mutet die gewünschte Ablehnung der Hilfe durchaus ein wenig bigott an.

Der Schutz der Bevölkerung steht in dieser schwierigen Situation im Vordergrund, sagen die anderen. Auch das ist richtig, denn dass Deutschland bisher zu wenig Schutzmasken zur Verfügung stehen, ist kein Geheimnis. Wichtig ist dabei, nicht zu verallgemeinern. Weil Deutschland die Maskenspende annimmt, stimmt es noch lange nicht mit allem anderen überein, was vorher an der Türkei bemängelt wurde. Dass in dem eurasischen Land massiver Nachholbedarf in den Bereichen Menschen- und Frauenrechte besteht und es auch mit der Meinungsfreiheit nicht sehr weit her ist, ist ein weiterhin bestehendes Problem. Ungeachtet dieser Situation und den möglichen Hintergedanken war die Maskenspende dennoch eine nette Geste, denn es bleibt zu überlegen, ob der Schutz der Bevölkerung den Moralvorstellungen in diesen Tagen nicht vorzuziehen ist.

Verbesserungen beginnen immer mit kleinen Gesten und wer positiv an die Sache herangeht darf hoffen, dass die ungefragte Hilfe der Türkei ein kleiner erster Schritt in die richtige Richtung ist. Dabei darf zwar nicht zu viel in die Aktion hineininterpretiert werden, und dennoch: ein DANKE Richtung Türkei ist sicher nicht zu viel verlangt.

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