„Covid-19 ist ein Weckruf“

24. Juni 2020 um 07:50 , Der AUDITOR
Frank Nordmann, General Manager Key Accounts der GRIMME Landmaschinenfabrik
Frank Nordmann, General Manager Key Accounts der GRIMME Landmaschinenfabrik
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BERLIN. Ortsgespräch mit Frank Nordmann, General Manager Key Accounts and Sustainable Development, der GRIMME Landmaschinenfabrik und Co-Vorsitzender der German Agribusiness Alliance

Krise, Krieg und Korruption: viele Unternehmen bringen Afrika mit den drei K’s in Verbindung: Wie sehen Sie als Vorsitzender der German Agribusiness Alliance unseren Nachbarkontinent?
Auch wenn ein Engagement in Afrika mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist, sind die Risiken nicht größer als anderswo: Wir betrachten Afrika vor allem als Chance für das deutsche Agribusiness! 60% des ungenutzten Ackerlandes der Welt liegen auf dem Kontinent, dennoch muss Afrika ein Viertel seiner Nahrungsmittel importieren. Wir als German Agribusiness Alliance sind überzeugt, dass Afrikas Landwirtschaft der Wachstumsmotor für den Kontinent ist: Durch moderne Produktionsmittel, mit angepasster Landtechnik, adäquater Finanzierung und Training könnte Afrika sogar zu einem Netto-Exporteur von Nahrungsmitteln werden. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren lokalen Partnern den Agrar- und Ernährungssektor nachhaltig zu entwickeln und die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern. Wie wichtig der lokale Agrarsektor ist, hat uns nun auch die Covid-19-Pandemie vor Augen geführt. 

Apropos Covid-19: Viele Experten fürchten, dass Afrika von einer Gesundheitskrise in eine Nahrungsmittelkrise rutscht. Wie sieht Ihre Prognose aus? 
Noch sind die Infektionszahlen in Afrika niedrig - dies liegt aber auch daran, dass extrem wenig getestet wird. Spürbar sind jedoch bereits heute die Folgen für die lokale Agrarwirtschaft: Durch die Lockdowns können beispielsweise Bauern ihre Waren nicht mehr verkaufen, den Landwirten fehlt es zudem an Inputs und Saatgut für die kommende Ernte! Allein für Äthiopien wird prognostiziert, dass in der kommenden Saison mit 8% weniger Erträgen gerechnet werden muss. Zeitgleich haben die ostafrikanischen Staaten mit einer Heuschreckenplage ungeheuren Ausmaßes zu kämpfen: Es wird ein Ernte- und Viehverlust im Wert von über acht Milliarden US-Dollar befürchtet. Doch statt den Teufel an die Wand zu malen, sollten wir die aktuelle Krise als Weckruf verstehen: Gerade jetzt zeigen sich die Schwachstellen der Nahrungsmittelsysteme. Es ist daher wichtig, dass die Politik gemeinsam mit dem Privatsektor agiert, um lokale Nahrungsmittelproduktion zu stärken und die internationalen Wertschöpfungsketten aufrecht zu erhalten. 

Ist die jetzige Situation mit der globalen Nahrungsmittelkrise von 2007/2008 vergleichbar?
Nein, während die Krise 2007/2008 auf einen Mangel von Nahrungsmitteln auf dem Weltmarkt zurückzuführen war, gibt es dieses Jahr genügend Produktion und Reserven, um theoretisch alle mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Neben den Lockdowns sind Handelseinschränkungen eine der größten Ursache für Lebensmittelmangel vor Ort: Wenn die Staaten in Südostasien den Export von Reis beschränken, trifft dies Afrikas Regionen südlich der Sahara besonders hart. Die GAA engagiert sich daher besonders, den internationalen Handel aufrecht zu erhalten und die internationalen Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Aktivitäten zu verbessern. Um unsere Ziele zu erreichen führen wir einen engen Dialog mit deutschen Entscheidungsträgern, internationalen Institutionen und unseren Partnerländern. 

Sie sprachen von einem „Weckruf“: Welchen Beitrag kann die deutsche Agrarwirtschaft bei der Stärkung lokaler Nahrungsmittelsysteme leisten?
Die German Agribusiness Alliance ist ein Zusammenschluss von rund dreißig Verbänden, Großunternehmen und Mittelständlern im Agrarbereich: Gemeinsam decken wir die agrarische Wertschöpfungskette ab. Unsere Mitgliedsunternehmen engagieren sich bereits heute durch kurzfristige Hilfslieferungen in afrikanische Länder und sind eigenständig und gemeinsam mit lokalen und internationalen Partnern in Projekten engagiert, welche den Ernährungssektor vor Ort stärken. Durch unsere Projekte tragen wir massiv zur Einkommens- und Ernährungssicherung bei und durch standortangepasste Inputs bei Saatgut, Pflanzenschutzmitteln und Landmaschinen wird im Unterricht die Aus- und Weiterbildung im Pflanzenbau gefördert. Diese Projekte können dazu beitragen, mittel- und langfristig einen modernen, auf regionale Privatwirtschaft gestützten Agrarsektor zu etablieren, den Wohlstand von Ländern und Gesellschaften zu steigern und diese gleichzeitig resilienter gegenüber zukünftigen Krisen zu machen. 

Klingt nach Wohltätigkeit!
Die German Agribusiness Alliance ist eine privatwirtschaftliche Initiative, welche gemeinsam mit Regierungen der Partnerländer und der Bundesregierung neue Ansätze erarbeitet, um sowohl die Eigenversorgung als auch den Export von Agrarprodukten zu unterstützen. Wir sind überzeugt, dass der Einsatz moderner, effizienter und sicherer Technologien aus Deutschland einen wesentlichen Teil dazu beitragen kann, dass die landwirtschaftliche Produktion bei Nutzung bestehender Ressourcen gesteigert werden kann. Nicht staatliches Entwicklungsgeld, sondern eine Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Augenhöhe schafft langfristig Arbeitsplätze vor Ort. Die German Agribusiness Alliance ist daher in einem sehr engen Austausch mit deutschen und internationalen Gebern, um nachhaltig zu einer selbstragenden Wirtschaftsentwicklung beizutragen. Dabei achten wir besonders darauf, die Geschäftsinteressen unser Mitgliedsunternehmen mit lokaler Wertschöpfung zu vereinbaren: Wie bereits erwähnt spielen dabei Aus- und Weiterbildung eine zentrale Rolle – ein Merkmal, das einzigartig für die deutsche Agrarwirtschaft ist und leider oft eine Hürde bei internationalen Ausschreibungen darstellt. 

Dabei ist Ausbildung doch zentral, um Perspektiven vor Ort zu schaffen!
Richtig, doch bei Ausschreibungen spielen oft nur der Preis und die Finanzierungskonditionen eines Produktes eine Rolle; deutsche Anbieter sind dann oft nicht konkurrenzfähig! Als German Agribusiness Alliance sehen wir es als unsere Aufgabe an, vermehrt auch die Aspekte Qualität, Service und Nachhaltigkeit bei unseren Partnern zu platzieren.

Neben Ausschreibungen spielt auch die Frage von adäquater Finanzierung für den Agrarbereich in Afrika eine besondere Rolle: Während 70% aller Arbeitsplätze und über 40% des afrikanischen BIP auf den Agrarsektor entfallen, bieten weniger als 15% der Kreditgeber in Afrika Dienstleistungen für Agrarunternehmen und Kleinbauern an. 

Herr Nordmann, Sie selbst sind schon seit vielen Jahren in Afrika aktiv, warum ist es gerade dort wichtig, sich gemeinsam mit anderen Unternehmen zu engagieren?
Um politische Entscheidungsprozesse hinsichtlich grundsätzlicher wirtschaftspolitischer Zielsetzungen mitzugestalten, ist es vor allem auch mit Blick auf Afrika wichtig, dass die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft an einem Strang ziehen. Nur wenn wir als Agribusiness gemeinsam auftreten, wird es uns gelingen, die Risiken in Afrika zu minimieren und politische Flankierung für unsere Anliegen zu erhalten. Da nicht jedes Unternehmen bei jedem Treffen und jeder Reise dabei sein kann, ist eine zentrale Aufgabe unseres Büros, politische Termine zu begleiten und den Informationsfluss zu koordinieren. Denn: Gemeinsam sind wir stark! 

 

Frank Nordmann ist einer der drei Co-Vorsitzenden der German Agribusiness Alliance - in dieser Funktion ist er u.a. für den Regionalschwerpunkt Afrika verantwortlich und Mitglied des Vorstandes des Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft e.V. 

Die German Agribusiness Alliance (GAA) ist eine Initiative führender Verbände und Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie dient als Plattform für den Austausch und die Bündelung wirtschaftlicher Interessen bei der Zusammenarbeit mit Transformations-, Schwellen- und Entwicklungsländern (Partnerländer) im Agrar- und Ernährungssektor Osteuropas/Zentralasiens, Asiens und Afrikas.
Weitere Informationen über die Vorteile einer Unternehmensmitgliedschaft in der German Agribusiness Alliance erhalten Sie bei der Geschäftsführung:
- Dr. Per Brodersen (
p.brodersen@bdi.eu; 030/206167-124)
- Alina Gumpert (
a.gumpert@apa.bdi.eu; 030/2028-1549)

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