Corona-Krise: Konsequenzen für Mehlmarkt und Versorgung

1. April 2020 um 08:46 , Der AUDITOR
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SEEHEIM. Aus aktuellem Anlass hat Mundus Agri mit Dr. Peter Haarbeck, Geschäftsführer des Verbandes der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e.V. in Berlin, über die Folgen der Hamsterkäufe bei Mehl und Backwaren für die Bedarfsanpassungen der Mühlen wegen der Corona-Krise gesprochen. Mehr dazu im folgenden Interview.

Im Verband Deutscher Mühlen (VDM) haben sich große und kleine, handwerkliche und industrielle Mühlenunternehmen aus ganz Deutschland zusammengeschlossen, um ihre gemeinsamen Interessen voranzubringen. Rund 6.000 Mühlenmitarbeiter verarbeiten etwa 8,4 Mio. mt Getreide pro Jahr. Sie produzieren Mehle, Grieße und Schrote für das Bäckerhandwerk und die Lebensmittelindustrie, liefern den Hartweizengrieß zur Herstellung von Nudeln und sind Experten in allen Getreidefragen. 

Der Lebensmitteleinzelhandel berichtet seit Wochen über Hamsterkäufe bei Mehl-Haushaltspackungen. Die Regale sind vielerorts immer wieder leer, bevor neue Ware eintrifft. Kommt die Mehlproduktion nicht nach?
Dr. Haarbeck: Die Müllerei verkauft rund 95% des Mehls an Großbäckereien, Handwerksbäckereien und Weiterverarbeiter in der Lebensmittelindustrie. Etwa 5% des Mehls wird in Kleinpackungen über die Supermärkte an Endverbraucher verkauft. Beiden Absatzwegen ist die Müllerei bei der Mehlproduktion ohne Abstriche gewachsen. Erst in der KW 9 hat es einen signifikanten Absatzzuwachs im Einzelhandel um 148% gegeben, bedingt durch stark gestiegene Einkäufe der Haushalte. Einzelne Unternehmen haben von vier- bis fünffacher Menge berichtet, die vom Einzelhandel abgerufen worden ist. Auch wenn die Mühlen mit Blick auf Ostern ihre Kapazitäten in den Abfüllanlagen hochgefahren hatten, führten erst Hamsterkäufe zu temporärer Überlastung des Systems. Auf erhöhte Nachfrage haben alle Mühlen reagiert. Unternehmen haben ihre Produktionskapazitäten erweitert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten teils in 12 Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche. Großkunden, an die fast 95% der Ware geht, fragen bisher auf leicht erhöhtem Niveau nach. Silo-LKW-Kapazitäten für die Auslieferung sind ausreichend vorhanden. Die LKWs kommen auch pünktlich ans Ziel.

Auch die Regale für haltbare Backwaren, Teigwaren und Pasta sind vielfach stark geräumt. Gibt es Verzögerungen oder Engpässe bei Silozügen zur Mehlanlieferung an die Backindustrie?
Dr. Haarbeck: Hartweizen für die Herstellung von Hartweizengrieß und Teigwaren ist ausreichend vorhanden und kommt bei den Unternehmen auch aus Italien weiter problemlos an. Die Teigwarenhersteller in Deutschland produzieren auf Hochtouren, Produktionskapazitäten werden aufgestockt, Arbeitszeiten ausgeweitet. Die Mitarbeiter tun alles dafür, damit die Supermärkte schnell beliefert werden können. In vielen Betrieben werden jetzt vorrangig die Nudelsorten produziert, die am meisten nachgefragt werden. Die Produktion von aufwändig herzustellenden Spezialsorten wird zurückgestellt, wie die Teigwarenhersteller im VGMS berichten. Auch wenn sich aktuell die Lage in den Regalen des Einzelhandels etwas entspannt, bleiben logistische und technische Kapazitätsgrenzen der Grund dafür, wenn Nachschub mal nicht so schnell folgt, wie es die Verbraucher gewohnt sind.

Wie reagiert die Mühlenindustrie auf die veränderte Konsumnachfrage von Verbrauchern? Mehr Haushaltsmehle werden nachgefragt, der Gastrobereich ist leider Opfer der Corona-Krise.
Dr. Haarbeck: Die Kleinpackereien arbeiten auf Hochtouren, aber auch die 25-Kilo-Säcke, wie sie an Gastronomie oder Pizzabäckern, die nun sehr eingeschränkt arbeiten, geliefert werden, werden weiter gebraucht, etwa von den Handwerksbäckern. Da wo es möglich ist, werden frei gewordene Kapazitäten für die Abpackung von Verbraucherware genutzt.

Wie bewältigen die Mühlen die Einschränkungen der Corona-Krise? Rechnet der Verband mit steigenden Mehlpreisen?
Dr. Haarbeck: Bisher hören wir aus den Unternehmen, das sich die Mitarbeiter Ihrer Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung sehr bewusst sind und trotz der Mehrbelastung mit hohem Engagement und Motivation arbeiten. Für sie wurde in den Unternehmen ein breiter Maßnahmenkatalog zum Schutz eingerichtet: Schichten werden getrennt, Übergaben laufen per Telefon, Zonenkonzepte für Mitarbeiter sind installiert, um Begegnungen zu vermeiden. Externe dürfen die Produktion nicht mehr betreten. Zusätzliche Hygienemaßnahmen wurden eingerichtet und vieles mehr. Förderlich ist hier sicher auch, dass die Mitarbeiter in der Produktion ihr persönliches Ansteckungsrisiko am Arbeitsplatz weniger hoch bewerten. Anders als im Einzelhandel, wo es naturgemäß wesentlich mehr Publikumsverkehr gibt. Die Pandemie führt aktuell dazu, dass von Getreidehandel und Landwirten Aufschläge auf die Pariser Notierungen gefordert werden. Die höheren Kosten für die Rohstoffbeschaffung, aber auch für den Einsatz des Personals werden wie immer in die Kalkulation der Betriebe einfließen. Ob und wann das Auswirkungen auf die tatsächlich im Einzelhandel oder von Kunden zu zahlenden Preisen haben wird, bleibt abzuwarten.

Wir danken Ihnen für das Gespräch, Herr Dr. Haarbeck.

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