Kostenfrei

Weltalphabetisierungstag: Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Bildung

8. September 2020 um 08:40 , Der AUDITOR
Bericht als Audio abspielen

MÜNCHEN. Dass die Corona-Pandemie starke Auswirkungen auf die Gesundheits- und Wirtschaftssektoren hat, ist mittlerweile weithin bekannt. Weniger beleuchtet ist bisher, welche Folgen Covid-19 für den weltweiten Bildungssektor hat.

Gesundheit und Wirtschaft vor Bildung

Dabei war die Bildung bereits vor Ausbruch der Pandemie in vielen Ländern stark unterfinanziert, und die aktuelle Situation macht Hilfsorganisationen wie den SOS-Kinderdörfern und anderen große Sorgen. Ziel der Globalen Nachhaltigkeitsagenda war es gewesen, bis 2030 jedem Kind auf der Welt eine hochwertige Bildung garantieren zu können – dafür hatten allerdings rund 148 Mrd. Dollar gefehlt. „Diese finanzielle Lücke könnte nach Schätzungen um ein Drittel wachsen. In einem Großteil der Länder sind die Einnahmen massiv zurückgegangen. Gleichzeitig haben die Staaten zusätzliche Aufgaben zu bewältigen", sagt Boris Breyer, Sprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit. Zurzeit stünde es im Vordergrund, vorhandenes Geld in die Gesundheitssysteme fließen lassen und dafür zu sorgen, dass Firmen in Existenznot finanziell abgesichert würden. Allerdings sollte zum heutigen Weltalphabetisierungstag (8.9.2020) nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die Bildung eine wichtige Rolle spielt, die nicht komplett untergehen darf.

Teufelskreis aus Armut und Bildungsmangel

Die Auswirkungen der fehlenden Finanzspritzen könnten dabei katastrophal ausfallen. Experten der Weltbank rechnen damit, dass die Pro-Kopf-Ausgaben für Bildung zum Beispiel südlich der Sahara um 4,2% sinken könnten, in den Entwicklungsländern sind für das nächste Jahr bis zu 150 Mrd. Dollar weniger im Bildungsbudget vorgesehen. Dazu kommen in den ohnehin sehr armen Ländern die neuen Probleme durch die Covid-19-Pandemie, durch die geschätzte 100 Mio. Menschen in die extreme Armut rutschen werden. Dass hier dann Grundbedürfnisse wie Nahrung und Medizin vor Schulbüchern stehen, ist selbstverständlich – gleichzeitig rutscht das Ziel, allen Kindern eine angemessene Bildung zu bieten, dadurch in weite Ferne. Das führt zu einem Teufelskreis, denn wer nicht lesen, schreiben und rechnen kann, wird mit großer Wahrscheinlichkeit der Armut nicht entkommen können. Dadurch wird es in den armen Familien vermehrt notwendig, Kinder arbeiten zu schicken – die dann wiederum keine Bildung erhalten. Wichtig wäre es nun, bei den weltweiten Finanzpaketen neben der Gesundheit und der Wirtschaft auch die Bildung zu unterstützen.

Nicht nur in der dritten Welt

Die Lage ist ernst: Laut dem Statistischen Institut der UNESCO gibt es weltweit rund 750 Mio. Menschen über 15 Jahren, die nicht lesen und schreiben können. Fast zwei Drittel davon sind Frauen, der Anteil junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren beläuft sich auf über 100 Mio. Fast die Hälfte aller Betroffenen Personen leben in Südasien, die niedrigste Alphabetisierungsrate weisen allerdings die afrikanischen Länder südlich der Sahara auf – hier können rund 35% aller Menschen weder lesen noch schreiben. Wer jedoch glaubt, Analphabetismus wäre nur ein Problem armer Länder, der irrt. In Deutschland beispielsweise sind 6,2% der deutschsprachigen Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren sogenannte „funktionale Analphabeten“, das heißt, die können keine zusammenhängenden Texte erfassen, sondern nur einzelne Sätze lesen oder schreiben. Der Unterschied ist, dass es hier wesentlich leichter ist, Hilfe auf diesem Gebiet zu bekommen. Der Weltalphabetisierungstag soll auf die weltweiten Schwierigkeiten im Bildungssektor hinweisen, und in diesem Jahr macht er zudem deutlich, dass aufgrund des Coronavirus nicht alle anderen Probleme vergessen werden dürfen; sonst ist das Virus vielleicht eines Tages unter Kontrolle und wir stehen vor dem Scherbenhaufen der Probleme, die wir in der Zwischenzeit ignoriert haben.